Ich habe STOP gesagt

Das Telefon klingelt. Habe schon eine Ahnung, wer das sein kann. Eine sehr bestimmende „möchte-gern-Autorität“. Ohne auch nur Hallo oder die Tageszeit zu nennen rattert die sonore Generalsstimme sofort los. Der nächste Tag wird über mich hinweg terminiert: „Du bist dann gegen 09.00 Uhr da.“ Punkt. Kein „können wir“ oder „sollen wir“, nein. Du bist da. Schluß. Aus. Amen. Das Telefonat ist beendet.

Ich habe ein ziemliches Magengrummeln. Schaue aus dem Fenster – wie gelähmt. Nicht schon wieder, denke ich mir. Ich bin es leid. Was habe ich letzte Woche über Räume gelernt? Dass man sich den Raum nimmt, den man braucht. Ich darf das auch. Mein Bedürfnis nach Raum ist ziemlich groß im Moment. Ich habe ihn sogar in der Realität aus Seilen gestaltet. In einer Nische habe ich meinen Sitzplatz auf einem Kissen gewählt. So kann ich meinen Raum gut überblicken. Keiner kann unbemerkt in meinen Raum eindringen, ohne dass ich ihn vorher kommen sehe. Ich bin stolz auf diesen großen Raum und betrachte ihn wie ein Großgrundbesitzer. Diesen gestalteten Raum muß ich nun nur mit in mein Leben nehmen. Gar nicht so einfach. Wenn man immer nur funktioniert hat, fällt es schwer, sich Raum für sich selbst zu nehmen, gar zu beanspruchen. Ich muß erst einmal ein Gefühl dafür bekommen.

Nun überlege ich, wie ich das Magengrummeln los werden kann. Eigentlich muß ich mich nur entscheiden, das Wort Stop zu sagen. Dieses Wort habe ich für mich selbst als ein Mantra auserkoren. Ich assoziiere damit das Verkehrs-Stopschild. Es ist sehr eindringlich und absolut präsent.

Und auf einmal passiert es. Mein Herz klopft ganz dolle, als ich zum Telefonhörer greife (ja, es gibt noch Telefone mit Hörer…). Ich wähle die Nummer und die Generalsstimme meldet sich in ihrer gewohnt liebensgewürzigen Art. Dann sage ich das Wort. Zunächst verpacke ich es natürlich in ein freundliches Mäntelchen, damit es nicht so nackt rüberschießt. Ich kann ja schließlich auch nett Stop sagen. Und dann folgt — … Stille…Ist da noch jemand? Hallo?

Ich spüre förmlich, wie mich das Erstaunen auf der anderen Seite durch den Telefonhörer anspringt. Ist da jetzt jemand völlig platt? Es hat glatt den Anschein. Ist man ja auch nicht gewohnt von mir. So eine Respektlosigkeit aber auch. Das Gespräch ist beendet.

Es geht mir besser. Der Magen grummelt nicht mehr. Ich fühle mich befreit. Ich habe meinen Raum verteidigt. Ich habe Stop gesagt….

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6 Kommentare zu „Ich habe STOP gesagt

    1. Ich habe ja erst durch Seppo’s OP hierher gefunden, liebe Rita, und ich merke, dass es eine TopEntscheidung war, Deinen Blog oben an den Favoritenleiste meiner Browser anzupappen. Freue mich 😉 riesig 🙂 , weiterhin von Dir zu lesen. Ganz besonders das Stopp-Mantra war für mich als TrockenAA (ca. 12-.. Jahre) stets ein wirksamer Begleiter. OK, ich kann nicht immer NEIN sagen und, wenn jemand um Hilfe bittet stehe ich in der ersten Reihe und fletsche mit dem Zeigefinger, aber durch tägliches Training werde ich immer besser.

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  1. Chapeau, lieber Chantao. Das soll dir erstmal jemand nachmachen. 12 Jahre sind eine echt lange Zeit. Ich freue mich, dass Du das geschafft hast. Schön, dass Dir mein Blog gefällt. Es macht mir aber auch einen Riesen-Spaß, hier zu schreiben. Ganz liebe Grüße

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