Mein Wackelbrett

Wat ist den nu ’nen „Wackelbrett“? Jeder, der in der letzten Zeit mal in der Fitte / Muckibude war, hat das bestimmt schon mal gesehen. Und vielleicht sogar mal ausprobiert. Mit diesem Teil stählt man weder seine Muskeln, noch garantiert es, 10 kg pro Nutzung abzunehmen. Es steht zumeist nicht im absoluten Fokus der Geräte für moderne Gladiatoren, sondern allein und unspektakulär etwas im Abseits. Eine Platte aus Fiberglas, aufgehängt an zahlreiche Federn (also die Stahl- nicht die Vogelvariante), mit Haltegriffen. Sobald man aufsteigt, wackelt das Ding hin und her. Man ist also angehalten, das Gleichgewicht zu finden. Kleine Hilfestellung sind die Haltestangen, damit man nicht gleich umkippt. Beim ersten Mal ist mir das fast passiert. Gleichgewicht gleich null. Die Platte unter mir hat gewackelt wie ein Lämmerschwanz. Ich fühlte mich von zahlreichen Augenpaaren beschossen und stieg beschämt ab.

Dabei habe ich früher soviel Sport gemacht. War ein echter Sportjunkee. Reiten, Basketball, Fitte, Tennis  – die komplette Freizeit ging drauf. Bis ich keine Freizeit mehr hatte. Der Beruf hat mich mehr und mehr aufgefressen. „Wollen Sie sich nicht ein Feldbett im Büro aufstellen?“ Haha, sehr unterhaltsam, die Kommentare von damals. Jedenfalls habe ich alles gegeben, um besser als gut zu sein. Ohne Rücksicht auf mich selbst. Für meinen geliebten Sport war bald keine Zeit mehr. Und so geriet ich – in einem schleichenden Prozess – mehr und mehr aus dem Gleichgewicht.

Als ich es bemerkte, war ich längst umgefallen.

Viele, viele Jahre ohne Gleichgewichtssinn. Alles war aus dem Ruder gelaufen. Keine Mitte mehr. Jede Anstrengung fokussierte sich nur auf „rechts ausbalancieren, links ausbalancieren, vorsicht nicht nach hinten kippen, achtung nicht vornüber…“ und  trotzdem immer wieder auf die Schn… fallen.

Und dann kommt da auf einmal dieses „Wackelbrett“. Rein physisch klappt das schon ganz gut. Je nach Tagesform. Mental hinkt mein seelisches Gleichgewicht noch etwas nach. Aber gestern ist etwas Tolles passiert. Was zunächst eigentlich erstmal gar nicht erfreulich war: Ich war mit meinem Hund unterwegs. (also das ist natürlich sehr erfreulich). Auf halben Wege sah ich zwei Menschen nebst ihren Hunden, mit denen bis vor einigen Monaten nicht nur so mancher Spaziergang, sondern auch manch ehrliches Wort geteilt worden war. Der eine lud mich einen Tag vorher von einer Festivität wieder aus (ach, es kommen schon so viele…). Den anderen Menschen hatte ich Wochen später bei etwas ertappt, was er eigentlich vehement als „unmögliches Verhalten“ sanktioniert.  Man sah mich also auf dem Feldweg entgegenkommen – und es folgte ein kollektives „Kehrt marsch“. Wie billig ist das denn, bitte schön? Ich erinnerte mich sehr spontan an mein Poesie-Album (da, wo so viele Sprüche reingeschrieben werden, die man zu der Zeit des geschrieben werdens noch gar nicht kapiert, aber „cool“ findet). Die Weisheit des Tages war in meinem Hirn auf einmal präsent wie ein Donnerschlag: „Rita, lerne Menschen kennen, denn sie sind veränderlich. Die Dich heute Freundin nennen, reden morgen über Dich.“  Check – verstanden.

Zuhause angekommen, war auch die Post mir inhaltlich nicht gewogen an diesem Tag. Wäääh…..

Aber dann passierte das Tolle: Es überkam mich eine stoische Zufriedenheit. Ich lag schon im Bett, kostete jeden Zentimeter der Liegefläche aus, bemerkte ein breites Lächeln auf meinem Gesicht und fühlte mich befreit. Konnte Durchatmen. Mein Leben hatte sich zu mir gelegt. Es lachte mich an und sagte: „Schmeiß allen unnötigen Ballast weg, Du brauchst Dich mit solchen Nichtigkeiten nicht beschäftigen. Benutz‘ Dein Herz, Deinen Kopf und folge Deiner Bestimmung.“

Ich habe mein Leben umarmt und wir schliefen nebeneinander ein. Völlig im Gleichgewicht.

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2 Kommentare zu „Mein Wackelbrett

  1. Sollte man eigentlich erfreut sein über die Balance von zuerst Körper auf dem Wackelbrett und hinterher Seele im Bett, so interessiert doch im ersten Moment wieder mal …

    Der eine lud mich einen Tag vorher von einer Festivität wieder aus (ach, es kommen schon so viele…). Den anderen Menschen hatte ich Wochen später bei etwas ertappt, was er eigentlich vehement als “unmögliches Verhalten” sanktioniert.

    Aber so ist es nun mal, irgendwie ist der geneigte Leser immer auf Sensationen aus und fragt sich WIESO lädt jemand aus und was ist das “unmögliches Verhalten” ?

    Zum einen würde es mir persönlich schwer fallen, jemanden auszuladen, den/die ich vorher eingeladen habe. Einladen ist m.E. ein Versprechen, oder einem Versprechen nicht unähnlich, und ein Versprechen brechen ist in meinen Augen und von meiner Erziehung her eine Untat, ja, ich bin 1955 geboren. Vielleicht ist das ja heute nicht mehr so.

    2.) Wer etwas als “unmögliches Verhalten” bewertet kann zu „Zum einen“ auch nicht anders denken, denke ich. Abwer so lange ich auch rumschreibe, die Neugierde wächst, Mistifix – ich Sensationslustmolch. 😦

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  2. Wie sagt ein Kollege so schön:

    Lass‘ dich nicht von deinem Job absorbieren.

    Er hat recht.
    Mein Dilemma ist ebenfalls, dass ich gern und viel arbeite und unbedingt mehr als zufriedenstellende Ergebnisse sehen möchte…auch auf die Gefahr hin, dass einem viele Dinge, die das Rad am Laufen halten, niemals gedankt werden. Wichtig ist mir, dass ich am Ende des Tages zu mir sagen kann: Du hast was geschafft.
    Leider neigt mein (und dein) Charaktertypus aber auch dazu, dass man schnell zu viel von sich verlangt.

    Wohl dem, der seine Mitte auf diesem Wackelbrett findet und vor allem das Gleichgewicht zwischen Arbeit und dem eigenen Ich darauf behält!

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