Spenden bis der Arzt kommt

Jeden Abend sieht man es in der Werbung. Wimmernde, kleine Kinder. Aufgeblähte Bäuche. Verklebte Augen. Sehnsuchtsvolle Blicke. Ärmchen so dünn wie Strohhalme. Und dann die Kommentare zu den Bildern, die unser Gewissen wie Kanonenschüsse bombadieren. Denn wir sind die einzigen, die diesen Menschen helfen können. Flutopfer, Erdbebenopfer, Vulkanausbruchopfer, Orkanopfer, Tsunamiopfer – so viele Opfer in der Welt. Natürlich empfinden wir mit diesen Menschen mit. Zumindest die meisten. Jeder stellt sich vor – ich hätte auch betroffen sein können. Wenn ich in diesem Land geboren worden wäre, würden sie heute vielleicht mein Bild in den Medien zeigen. Und der Euro rollt…

Aber wohin? Und macht der reine Euro wirklich Sinn? Wieviel davon kommt wirklich an?

Nur ab und zu am Rande wird berichtet über Menschen, die völlig unspektakulär dringend benötigte Güter sammeln und transportieren. Nur beiläufig erfahren wir von Menschen, die ihren Urlaub dazu verwenden, um vor Ort gesundheitlich oder rein praktisch zu helfen. Menschen, die mit Schaufel und Eimer selbst anpacken. Vor diesen Menschen ziehe ich meinen Hut. Denn sie setzen sich selbst ein, um zu helfen. Angespornt von großem Idealismus und Helfergeist. Und es macht sie zufrieden mit sich selbst.

Wie geht es den Sofa-Spendern, die per Mausklick ein paar Euro überweisen? Bezahlen für das gute Gewissen. Kaufen sich frei. Wie im Mittelalter. Nur dass die Nutzniesser nicht mehr die Kirchen sind. Heute sind es die Spendenorganisationen mit ihren eigenen Telefonnummern, professionell erstellten Webauftritten, grenzwertigen Filmaufnahmen und – natürlich jeder Menge Kontonummern.

Man erinnere sich an den „Kaiser Franzl“-Darsteller in den beliebten Sissi-Filmen. Auch er hatte sich der Hilfe in der Dritten Welt verschrieben. Setzte sich bei Filmaufnahmen recht in Szene und appellierte an den Rest der Welt, zu spenden. War die Kamera aus, ließ er sich mit den goldenen Wasserhähnen ein Bad ein…..

Versteht mich nicht falsch. Ich verfluche spendenfreudige Menschen nicht. Vielleicht einfach mal überlegen, wen man mit seinen Spenden da wirklich finanziert. Und ist es denn ein gelungenes Aushängeschild, in Chanel gekleidet, mit Juwelen-besetzten Fingern und aufgespritzten Lippen eine Charity zu veranstalten, um die Geldbörsen zu lockern? Freut sich doch eigentlich jeder der Gäste nur auf das Buffett mit Hummer, Austern und Kobe-Steaks…..und nebenbei auf gute Geschäftskontakte. Wieviel der Spenden wurden in das reichhaltige Buffet investiert, oder in Kleidung und Schmuck des Veranstalters/Veranstalterin? Raummiete des pompösen Saals? Blumenarrangements, Kellner, Köche………

Nicht jeder kann selbst helfen, und so ist das Spenden schon eine gute Sache. Aber wenn spenden, dann mit offenen Augen und aufmerksamem Blick. Auch hierzulande gibt es viele Menschen, die Hilfe brauchen. Manchmal ist schon ein Klopfen an der Nachbartür mehr wert als alles Geld der Welt….

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5 Kommentare zu „Spenden bis der Arzt kommt

  1. Ich wollte mal selbst helfen, persönlich, weil ich Sorge habe, dass die Teuronen nicht ankommen, wie oben beschrieben: Mein erster Versuch: Ich habe bei der Hamburger Tafel mitgeholfen, mit dem Ergebnis, dass ich miterleben durfte, dass die Ehrenamtlichen noch vor den so richtig armen Bedürftigen das Beste sich vorher weggeschnappt hatten. Diese Körbe, die man in Supermärkten befüllen kann für die Tafeln, die wurden vom Lieferwagen direkt in die Taschen der Ehrenamtlichen gepackt. Natürlich wird es nicht überall so sein, ich habe mal wieder in die Sche**se gepackt.

    Fall 2: Ich wollte Flüchtlingen persönlich helfen, dafür musste ich eine Bewerbung durchlaufen, als wenn ich einen Managerjob haben wollte und das Einzige, was mir angeboten wurde: Bereitschaft, wenn mal jemand zum Arzt muss oder zum Amt, etwas, was ich selbst mit Ungeduld mache, aber ich hätte das schon für Flüchtlinge getan, aber da wurde nichts draus. Und wenn man aktiv etwas für Flüchtlinge tun möchte hier in HH muss man sich erst bei den Stellen melden, wo man Ehrenamtlicher oder Flüchtlingsbetreuer sein möchte. Das sind 2 Ansprechinstitutionen hier in HH. Da wird darauf hingewiesen, nicht einfach zu den Flüchtlingen gehen und helfen, NEIN erst dick bewerben dafür, und dann kommt da nichts mehr. Es ist blöde, aber oft denke ich, dass es da einfach oft auch drum geht, dass einige Menschen sich da auf Gratis-Weise profilieren.

    Also, ich gucke mir das Spielchen jetzt noch ein wenig an, aber wenn’s kalt wird bringe ich meine Decken oder Jacken persönlich da hin, wo sie gebraucht werden und niemand kann mich stoppen. Ich schenke sowieso dem Bedürftigen am Wegesrand, ich helfe, wo gerade Hilfe gebraucht wird, aber nicht anonym für irgendjemand und stecke auch nichts in Spendenkörbe, wo ich nicht genau weiß, wer’s kriegt.

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  2. Ein zweischneidiges Schwert. Der gute alte Sankt Martin hat seinen Mantel auch nur geteilt und nicht gänzlich hergegeben, geschweige denn sein Pferd geschlachtet und gebraten. Von daher denke ich mir: Ein jeder nach seinen Fähigkeiten und dem, was er für entbehrlich hält. Nicht jeder kann Zeit investieren (die diversen Refugees-Welcome-Aktivisten werden noch Probleme bekommen, wenn die vorlesungsfreie Zeit um ist), manch einer hat kein Geld, wieder anderen fehlt schlicht das Know-How.
    Ich finde Charity nicht verwerflich. Prominente kommen zusammen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass eine Society-Lady in der Lage wäre, einen Brunnen zu bohren. Was sie kann: Einen Teil ihres Geldes zu spenden und vor Allem, ihr Know-How (Aufmerksamkeit erzeugen) einsetzen, einen Missstand aufzudecken.
    Gleiches gilt für Spenden. Sicherlich ist es lobenswert, wenn Menschen ihr Leben bspw. Afrika widmen, immer wieder sammeln und Aufbauhilfe vor Ort leisten. Aber diese Arbeit braucht viel Zeit, wenn sie nachhaltig wirken soll. Dafür braucht es Logistik und Organisation. Wenn die Hilfe nicht nur punktuell wirken soll, braucht es Professionalität und Koordinierung. Das braucht aber auch Verwaltung und da haben die Hilfsorganisationen ihre Daseinsberechtigung. Klar kostet das Geld. Wenn bei der lokalen beschränkten Aktion einer kleinen Gruppe von jedem Euro vielleicht 90ct. ankommen und bei der Hilfsorganisation nur 50ct., wird das Geld dort in der Fläche effektiver eingesetzt. Es ist also letzlich Geschmackssache: Helfe ich punktuell oder helfe ich breit? Habe ich ein Herzensthema oder gibt es vieles, was ich unterstützen möchte? Beides hat seine Berechtigung.

    Was die Sache mit der Helferbewerbung betrifft, mag ich mir aus der Ferne kein Urteil erlauben, ich vermute aber, es dient auch dem Schutz der Flüchtlinge. Die haben verdammt viele schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht, sind teilweise traumatisiert. Und mit solchen Leuten umgehen zu können, ist nicht einfach. Das muss man eigentlich lernen, um die Traumata nicht am Ende versehentlich zu vertiefen.

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  3. Wie gesagt – äh – geschrieben: Ich verfluche spendenfreudige Menschen nicht. Und niemand erwartet von der modisch gekleideten Dame (oder sonstwem) praktische Unterstützung – quel blamage….
    Das „kostenintensive“ Spenden hat für mich jedoch einen einen bitteren Nachgeschmack. Siehe Kirche. Hier werden Milliarden verschwendet. Der Papst spaziert in Gewändern einher vom Wert eines Einfamilienhauses. Aufgemerkt nun also – ist hier nicht das Thema verfehlt?
    Am Ende zählen für die Bedürftigen sicherlich nur die 50ct. – da hast du recht. Wer jedoch das Thema nur ein ganz kleines bisschen an sich heranlässt, ist vielleicht geneigt, um 1 Grad umzudenken. Und das hochgerechnet – quel succés…….

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