Mein Teppich

Mein großer, bunter Teppich. Es gibt kaum einen Raum, den dieser Teppich in meinem Zuhause noch nicht gesehen hat. Außer dem Gäste-WC, denn da passt er nicht rein. Mit seinen 2,50 x 4 m hat er schon so seine Platz-Ansprüche. Ist ja auch ein echter Perser. Da darf er etwas divenhaft sein. Aber das gönne ich ihm, denn er leistet mir gute Dienste.

Zunächst mal ist er toll im Sammeln von Tierhaaren. Das macht er richtig gut. Liegt eine meiner Fellnasen drauf, so ist er stets bemüht, sie vom überflüssigen Haarkleid zu befreien. Gern sammelt er auch die getrockneten Lehmbrocken, die meinem Hund nach den ausgiebigen Spaziergängen aus den Pfoten fallen. Er konserviert sie regelrecht für die Nachwelt. Es tut mir jedemal fast leid, wenn ich ihm die wertvollen Schätze per Staubsauger wieder entreiße. Aber er ist unermüdlich und beharrlich und geht seiner Sammlerleidenschaft täglich von neuem nach.

Mein Teppich hat aber auch eine dunkle Seite. Und zwar da, wo man sie schon vermutet. Nämlich untendrunter. Da sammelt er unwiderruflich alles, was ich so hin und wieder gerne drunterkehre. Angefangen von Bequemlichkeitsfusseln oder Problemstaub bis hin zu Verzweiflungssteinchen. Er verwahrt es sozusagen für mich. So machen wir beide das seit Jahrzehnten. Man kennt sich halt. Mittlerweile habe ich jedoch das Gefühl, mein Teppich hat sich etwas übernommen. Er hat eine Beule, und zwar eine ziemlich dicke! Da stolpere ich jetzt schon seit einiger Zeit immer wieder drüber. Sie geht einfach nicht weg. Ich mag eigentlich aber auch nicht nachgucken, was meinem Teppich da so im Magen liegt und ihn aufbläht. Es hat doch immer gutgegangen. Kante hochnehmen und – schwupps – drunter mit dem seelischen Müll. Kante schnell wieder fallen lassen. Alles wieder gut.

Zumindest bis jetzt. Nun sitze ich hier und starre auf den Hügel in meinem geliebten Teppich. Die Stolperfalle ist seine Art, „Hilfe“ zu rufen. Er möchte jetzt auch mal „untenrum“ saubergemacht werden. Davor habe ich mich immer gedrückt. Wie sieht das jetzt wohl da drunter aus? Riecht es nach Verwesung? Greifen gar vergessene Gefühlspolypen nach mir und wollen mich in die Unterwelt ziehen? Ich weiß es nicht. Mit pochendem Herzen lüfte ich leicht die Teppichkante. Es ist dunkel. Höre nur ein klägliches Wimmern. Ich habe Angst. Dann flüstert eine Stimme ganz sacht: „Hier ist Dein Leben. Ich mag nicht mehr im Dunkeln sein. Lass mich doch bitte wieder heraus.“

Das habe ich nicht gewußt. Jedesmal, wenn ich über meinen Teppich gegangen bin, habe ich es mit meinen Füßen getreten. Das tut mir leid.

Wie ich mein Leben wieder ans Licht holen kann, weiß ich noch nicht. Aber ich habe zumindest schon einmal die Teppichkante hochgehoben und hingeschaut!

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3 Kommentare zu „Mein Teppich

  1. Ah, so ein Teppich ist toll, um unliebsame Erinnerungen darunter zu verbergen und ihnen ein Moratorium zu gönnen. Dann verdichten sich die vielen Fusseln zu einer Wollmaus, die sich wesentlich besser entsorgen lässt. Man stelle sich die Alternative vor: Sständig die Fussel mit der Pinzette jagen, sie intensiv betrachten und sich grämend fragen, wo sie denn nun herkommen. Das ist keine schöne Vorstellung. Pfleg ihn gut, er scheint dir gute Dienste zu leisten.

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    1. Mein Teppich und ich. Ja, wir sind schon eine eingeschworene Gemeinschaft. Aber der Stolperhubbel verbirgt nun doch einiges mehr als nur Wollmäuse. Die komprimieren ja auch. Wie der Salat in der Schüssel. Da muss ich wohl doch mal Orpheus-mässig ran. Ich melde mich, wenn ich wieder aufgetaucht bin…blubb…. 🙂

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