Feindliche Übernahme – oder: Husten, Schnupfen, Heiserkeit…

Der Hals schmerzt, die Nase tropft und alles tut weh. Klare Sache – ich bin erkältet. Ein komisches Wort: Erkältet. Ich bin also kalt geworden. So wie eine Leiche. „Sie ist schon völlig erkaltet“. Dabei bin ich doch gar nicht kalt. Im Gegenteil, mir ist richtig heiß und der Schweiß tropft aus allen Poren. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, als wäre in der vergangenen Nacht ein 30-Tonner über mich hinweg gewalzt. Meine Glieder sind bleiern, mein Körper ist ein nasser Sack und im Kopf pocht es heftig. Lauter kleine Zwerge sind eifrig dabei, mit ihren kleinen Hämmern meine Schädeldecke zu malträtieren. Die Augenlider haben über Nacht auf wundersame Weise enorm an Gewicht zugenommen, denn ich kann sie heute Morgen kaum hoch stemmen. Klare Sache – eine fremde Macht hat das Kommando in meinem Körper übernommen. Ein Schlachtplan muss her. Angriff ist die beste Verteidigung, also erst mal in die Apotheke. Dort erhalte ich einen flüssigen Kampfstoff aus Thymiankraut, der den Invasoren in den Bronchien und der Nase den Garaus machen soll. Gegen die streitbaren Zwerge empfiehlt man mir Acetylcystein. Es bewirkt bei den kleinen Gesellen eine Art Gehirnwäsche, nach der jeder einzelne zum Pazifisten wird und seinen Hammer angewidert niederlegt.

Das Angebot erscheint mir lukrativ und so lasse ich mich auf den Deal ein. Mit den frisch erworbenen Waffen im Gepäck begebe ich mich in meine Kommandozentrale. Jetzt muss eine Strategie erarbeitet werden.

Da ich ein sehr friedliebender Mensch bin, kenne ich mich mit militärischen Strategien überhaupt nicht aus. Über Google informiere ich mich über historische Schlachten. Wie wurden sie geplant, worauf muss ich achten, wie schätze ich den Gegner richtig ein, wo sind seine Schwachpunkte… Schließlich möchte ich den Feind erfolgreich schlagen und kein Waterloo erleben.

Ich staune nicht schlecht ob der mannigfaltigen Schlachten, die lange vor unserer Zeit von berühmten Männern erfolgreich geführt worden sind. Schlagartig wird mir klar: Als weibliches Wesen werde ich hier  nicht fündig. Auch Jeanne D’Arc von Orleans kommt nicht in Frage, da ich bisher weder himmlische Erscheinungen noch Visionen hatte. Ich greife also zu den Benutzerhandbüchern, die ich beim Kauf meines persönlichen Waffenarsenals kostenlos dazu bekommen habe und schlage das erste Buch auf.

Dem Hersteller scheint meine persönliche Sicherheit sehr am Herzen zu liegen, denn als erstes werde ich auf Vorsichtsmaßnahmen bei der Anwendung dieses Kampfstoffes hingewiesen. Ich bin beruhigt, denn wenn ich das braune Fläschchen nicht gerade fallen lasse und mich an den Scherben verletzte, besteht keine Gefahr. Zumindest nicht für mich. Für das bakteriologische Heer in meinem Körper sieht es da schon anders aus. Der Hersteller verzichtet bei der Beschreibung der Wirkungsweise bewusst auf reisserische und blutrünstige Darstellungen. Finde ich absolut korrekt.

Bei dem suggestiven Wirkstoff gegen die kleinen Zwerge ist eine zusätzliche Trägersubstanz nötig. Der Kampfstoff wird werksseitig in stark komprimierter Form hergestellt, um den Transport zu erleichtern. Gibt man die runde Scheibe jedoch in einen kleinen Behälter mit Wasser, passiert etwas Überraschendes: Es schäumt und sprudelt wie verrückt. Man spürt sofort: Da werden übernatürliche Kräfte freigesetzt. Um dieses explosive Gemisch nun an den Ort der Bestimmung zu führen, muss es in den Körper hinein. Der Hersteller empfiehlt hier die bekannte Öffnung, durch die normalerweise auch Nahrung und Flüssigkeit geliefert werden.

Meine bewaffnete Armee zieht nun in die Schlacht. Wie es sich für den Heerführer gehört, halte ich mich dezent im Hintergrund und harre der Dinge, die da passieren mögen. Natürlich weiß ich, dass noch einige Schlachten geführt werden müssen, ehe der hartnäckige Feind endgültig besiegt ist. Um auch meine Umwelt an diesem Abenteuer teilhaben zu lassen, plane ich, meine Legionen demnächst mit kleinen Kameras auszustatten. Per live-Übertragung werde ich dann ein public viewing veranstalten, Bier und Bratwürste verkaufen und als besondere Attraktion einen Militärhistoriker einladen, der über die Varus-Schlacht im Teutoburger Wald referiert.

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2 Kommentare zu „Feindliche Übernahme – oder: Husten, Schnupfen, Heiserkeit…

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